Die Geschichte des BSV Altkalkar
Als Schützen in der Gemeinschaft stark
Für die heutige Jugend ist es kaum noch vorstellbar, wie sich die Situation in unserer Region kurz nach 1945 darstellte: Viele Häuser und Existenzen waren zerstört, viele junge Männer waren nicht aus dem Krieg bzw. der Gefangenschaft zurückzukommen, und die Familien hatten alle Hände voll damit zutun, langsam wieder auf die Beine zu kommen. Das gemeinschaftliche Leben war entsprechend zum Erliegen gekommen - es gab einfach Wichtigeres zu tun. Die wirtschaftliche Not bedrängte die Menschen natürlich am meisten. Jeder war daher bemüht, erst mal wieder ein Dach über den Kopf zu bekommen und für das tägliche Essen zu sorgen. Als diese Grundbedürfnisse langsam gedeckt waren, wuchs schon bald der Wille, auch als und in Gemeinschaft wieder mehr unternehmen zu können. Dafür brauchte man natürlich Vereine. Im Frühsommer 1950 entschloss sich daher eine Hand voll Altkalkarer Männer, das Tambourcorps aus der Taufe zu heben. Der erste Schritt in Richtung Wiederbelebung des Vereinslebens in Altkalkar war somit getan; fast genau ein Jahr später sollte ein zweiter folgen:
Am 3. Juni 1951 trafen sich mehr als 70 Männer und Frauen aus der Gemeinde, um den Bürgerschützenverein Altkalkar zu gründen.
Ortsbürgermeister Heinrich Terhorst hatte ins Lokal Stockhorst geladen, um die Gründungsversammlung des Vereins abzuhalten. Am Ende des Abends waren 82 Personen dem Verein als Mitglieder beigetreten. Gleichzeitig fiel die Entscheidung, sich nicht als Schützenbruderschaft, sonder als Bürgerschützenverein zu gründen. Das Tambourcorps Altkalkar war übriges geschlossen in den Verein eingetreten. Vor allem die anstehenden Spielmöglichkeiten bei Festaktivitäten der Schützen lockten dabei sehr. Schon damals wurde somit der Grundstein für die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Vereinen gelegt - eine enge Verbindung, die bekanntlich bis heute Bestand hat.
Der erste Vorstand des Schützenvereins setzte sich aus folgenden Personen zusammen:
1. Vorsitzender: Bürgermeister Heinrich Terhorst
2. Vorsitzender: Johann Schneider
1. Kassierer: Bernhard Stockhorst
2. Kassierer: Josef Kannenberg
Schriftführer: Ernst Diebels
Hauptmann: Ernst Kevelaer
Adjutant: Heinrich Neikes
Schießwart: Josef Schleuter
Bei einem Monatsbeitrag von 50 Pfennig nahm der Bürgerschützenverein seinen Betrieb aus und bestand schon gleich bei dem kurz darauf folgenden Schützenfest samt Kirmes seine Feuertaufe.
Gemeinsam mit dem Tambourcorps sollte es nach dem Gottesdienst mit Kranzniederlegung am Ehrenmal und Marsch zur Festwiese bei Claasen zum ersten Königsschießen kommen. Grundvoraussetzung dafür war jedoch ein Königsstand; das übernahm Vereinsmitglied Günter Klöter, der mit viel handwerklichem Geschick und Idealismus den Stand baute und schließlich dem Verein spendete. Bis vor wenigen Jahren profitierten Altkalkars Schützen von dieser Spende.
Erster König des Vereins wurden schließlich Ernst Kevelaer, der den Vogel mit Hilfe eines Jagdgewehres herunterholen musste. Die Flügel hatten vorher Albert Hardering und Johann Schneider getroffen, der Kopf war durch Heinrich Terhorst zu Fall gebracht worden.
Der 'Bunte Knappenabend'
Man kam beinahe gar nicht aus dem Feiern heraus: Schon im Februar 1953 trafen sich Karnevalisten der Region zum "Bunten Kappenabend" des Schützenvereins in der Kalkarer Tonhalle des Hauses Detmer (heute Siekmann-Theißen). Ein volles Haus war die Basis für viele Jahre Pläsier; etwas, das noch heute in der alljährlichen Sitzung in Altkalkar fortlebt.Auch wenn es sich beim Bürgerschützenverein Altkalkar um eine Neugründung handelte (es hatte hier vorher noch nie einen Schützenverein gegeben), so stand er doch in der Tradition zu ehemaligen Vereinen. An erster Stelle sei hier der alte Kriegerverein der Zwischenkriegszeit genannt. Nicht nur Mitglieder wie Bürgermeister Terhorst als ehemaliger Vorsitzender des Kriegervereins in unserem Ort standen für diese Verbindung, sondern auch die Fahne.
In den Kriegswirren des Jahres 1945 war die alte Fahne des Kriegervereins - wie zum Beispiel auch in Niedermörmter - verloren gegangen. Nur die alte Fahnenstange war in Altkalkar verblieben. Da bot es sich an, diese Stange für eine ohnehin zu organisierende Fahne des Schützenvereins zu nutzen. Das geschah auch: Am 27. April 1952 stand das große Fest der Fahnenweihe auf dem Programm. Viele Spender aus Altkalkar und Kalkar hatten das ermöglicht - nur 10 Monate nach Gründung des Vereins! Der Festzug lockte mehr als 1000 Neugierige auf die Straßen. Der Verkauf von Plaketten wurde unter Leitung von sechs extra bestimmten "Ehrendamen" durchgeführt. So kam auch noch etwas Geld für den Verein in die Kasse. Später wurde im Festzelt am Bahnhof im Beisein von Landrat Albers, Amtbürgermeister Kuypers und Pastor Burghardt ausgiebig gefeiert. Man war einfach stolz, nach so kurzer Zeit diese dieses teuere Stück in Vereinsbesitz zu haben. Da so viele zur Spende bereit waren, konnte bald auch noch das nötige Königssilber erworben werden. Das übernahm Vorstandsbeisitzer Jupp Istas, dem es dank seiner guten Verbindungen gelang, dieses wichtige Ausstattungsstück unseres Vereins kostengünstig zu beschaffen. Übrigens: Die Rückseite der Fahne konnte erst Jahre später auf Grundlage einer alten Zeichnung, die von Karl-Heinz Rottmann abgemalt worden war, in Angriff genommen werden.
In den Jahren 1952 bis 1954 gehörte das Tambourscorps Altkalkar als Zug komplett dem Bürgerschützenverein an - warum? Man hatte dort nach Anschaffung von sechs Flöten und vier Trommeln auch noch ein günstiges Angebot zum Erwerb von zwei Becken und einer dicken Trommel angenommen und musste nun schlichtweg schauen, wie man deren Finanzierung hinbekam. Da bot sich eine feste Vereinbarung mit dem befreundeten Schützen an. Diese übernahmen das Corps als Zug in den Verein, zahlten für Auftritte und ermöglichten somit die Abbezahlung der offenen Rechnungen. Als man wieder "finanziell klar" war, löste sich diese Doppelmitgliedschaft zwar, aber der enge Kontakt und die gute Zusammenarbeite blieben. Man stand halt in guten und schlechten Tagen zueinander und half sich, wo man konnte.
Ein Döneken ganz anderer Art ereignete sich Mitte der Sechzigerjahre: Wie üblich war der Königsstand und die Schützenwiese für das alljährliche Königsschießen von vielen freiwilligen Helfern hergerichtet worden. Da hatte man sich ein Bierchen im Vereinslokal Stockhorst "zur Vorbereitung des Tages" verdient. Als man dort am Sonntagmorgen gemütlich beisammen saß, kam plötzlich die Nachricht, dass der am Vortag montierte Adler über Nacht verschwunden sei und stattdessen ein kleiner Vogel (offensichtlich aus dem Weihnachtsschmuck einer Familie stammend) dort angebracht worden war. "Der Adler ist weg", so ging es wie ein Lauffeuer durch den Ort. Alle Suchaktionen verliefen erfolglos; man war schon in Sorge, überhaupt noch zum Königsschießen zu kommen. Da kam plötzlich ein anonymer Anruf, der Tipp gab, doch einmal im Sägewerk Schleuter nachzuschauen. Und: Der Adler wurde gefunden, konnte noch gerade rechtzeitig wieder "eingefangen" und am vorgesehenen Platz angebracht werden; der Tag war also buchstäblich in letzter Minute gerettet.
Neben solch schönen Erlebnissen bei Schützenfesten und Schießabenden kam es natürlich auch zu traurigen Pflichterfüllungen. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang der Tod des amtierenden Schützenkönigs Voetmann 1964. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde der Verstorbene unter Ehrerbietung aus dem Kalkarer Krankenhaus in einem Zug zum Friedhof gebracht - mit Königssilber voran.
Aus jener Zeit stammt auch die bis heute währende Partnerschaft zwischen Altkalkar und Bad Reinerz, einem Ort in der schlesischen Grafschaft Glatz. Dem gebürtigen Schlesier Man Neumann aus der Hanselaer Straße war es gelungen, das Königssilber der dortigen Schützenbruderschaft trotz Flucht und Vertreibung aus dem ehemaligen deutschen Ostgebiet zu retten. Als letzter Schützenkönig war er Träger des Silbers, das er - unter dem Mantel versteckt - auf der Flucht in den Westen mitnehmen konnte. Seit 1963 besteht diese Patenschaft der Schützenbruderschaft Bad Reinerz von 1580 und dem Bürgerschützenverein Altkalkar. Alljährlich wird daher das schlesische Königssilber vom Altkalkarer Vorsitzenden anlässlich des Schützenfestes getragen; der König von Altkalkar ist stets auch gleichzeitig Traditionskönig des erloschenen schlesischen Vereins. Der Auslöser und das Bindeglied dieser Verbundenheit, Max Neumann, war bis zu seinem Tode Ehrenvorstandsmitglied der Altkalkarer Schützen.
Das Schützenhaus wird gebaut
Knapp zwanzig Jahre nach der Gründung entschloss sich der Verein dann zu einem weiteren Kraftakt: Ein eigenes Schützenhaus sollte her. Man beschloss, am Fuße des Monreberges ein Gebäude mit Schießbahn und Gemeinschaftsraum zu bauen. Für ein solches Vorhaben brauchte man natürlich eine Baugenehmigung - kein leichte Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. Der ordnungsgemäß eingereichte Bauantrag "wanderte" rund drei Jahre ungenehmigt von einer Behörde zur anderen, denn niemand konnte endgültig einen positiven Bescheid erteilen. Warum? Ganz einfach: Inn unmittelbarer Nähe des Schützenhauses (nur etwa 500 Meter Luftlinie entfernt) war Ende der Sechzigerjahre das neue Kalkarer Krankenhaus geplant, und damit gab es viele Punkte bei einer Genehmigung des Schützenhauses zu bedenken. So sollten beispielsweise Geräuschemissionen gewisse Grenzen nicht überschreiten, um Patienten nicht zu stören. Der Verein und sein Architekt holten Gutachten unter anderem vom TÜV ein, um so die Unbedenklichkeit des Bauvorhabens nachzuweisen. Darüber gingen etliche Monate ins Land.
Erst als sich dann die Pläne für ein neues Kalkarer Krankenhaus auf dem Monreberg in Luft auflösten, ging es plötzlich ganz schnell: Die Baugenehmigung für das neue Schützenhaus erreichte die Altkalkarer Schützen kurz vor Weihnachten 1971. Beim Bau sollte alles möglichst günstig sein, und so mussten viele Freiwillige ehrenamtlich tätig werden.
In der Zeit vom 28. Januar bis 25. November 1972 entstand der Rohbau in der Wiese von Claasen. Bei der offiziellen Grundsteinlegung wurde eine Urkunde in einer auf der Baustelle gefundenen Kartusche aus dem Weltkrieg im Fundament des Hausees eingelassen; darauf war folgender Text zu lesen:
"Urkunde: Der Bürgerschützenverein Altkalkar e.V. unter seinem Vorsitzenden Theodor Franken, im Regierungsjahr Königs Lothar I., erbaute auf dem Grundstück des Herrn Theodor Claasen, nach den Plänen des Architekten Heinz Biesemann, einen Schießstand mit Aufenthaltsraum. Möge dieses Bauwerk eine Stätte freundschaftlicher Begegnungen sein zur Förderung des Schießsports. Die Grundsteinlegung erfolgte heute am 29. April 1972."
Von zwei interessanten Erlebnissen der Bauzeit gilt es noch zu berichten: Eine alte Buche am Hang, unmittelbar beim Schützenhaus, drohte unterspült zu werden und danach auf den Bau zu fallen. Keiner traute sich so recht an das komplizierte Problem, den die Schräglage war bedenklich und die Gefahr einfach zu groß. Dan kam die rettende Idee von guten Nachbarn - von der Bundeswehr. Ein Leutnant knüpfte den Kontakt zu den Emmericher Pionieren, die in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion den Baum fällten und fein säuberlich zersägt stapelten. Bevor jemand gemerkt hatte, waren die Pios schon wieder weg. Von hier aus nochmals vielen Dank für diese unbürokratische, eigentlich immer noch geheime Hilfe vom Bund.
Während des Rohbaus stellte sich heraus, dass der Bau über rund fünfzig Meter direkt am Fuß des Monreberges anschloss. Wohin mit dem abzutragenden, überschüssigen Erdreich? Wer konnte den anfallenden Aushub wohn kostengünstig laden und wegbringen? Schließlich ging es dabei um mehr als vier große LKW-Ladungen mit Füllmaterial. Da kam die Hilfe des Kalkarer Bauamtsleiters Bültjes gerade recht, dem der Bauleiter das Erdreich einfach angeboten hatte. Hermann Bültjes freute sich sehr darüber und organisierte die für den Verein kostenlose Abfuhr über die Apppeldorner Firma Mölders. Die Erde wurde an der Baustelle des Nikolaus-Kindergarten am Bollwerk in Kalkar dringend benötigt und kam daher dort sehr zupass. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn wir waren die Sachen kostenlos quitt und die Kalkarer hatten das dringend benötigte Füllmaterial. Zusätzlich bekamen wir für das Material noch den dringend benötigten Wasseranschluss für unser Schützenhaus von der Stadt Kalkar gelegt.
Von den Feierlichkeiten zur Eröffnung am 27. April 1975 sprach man noch lange Zeit, denn ganz gleich ob Einweihung, Abendveranstaltung oder gemeinsames Platzkonzert von Tambourcorps und Kalkarer Musikverein - die Wiese war stets sehr gut besucht.
Natürlich war die Finanzierung für den Verein mit seinen rund 200 Mitgliedern wieder eine große Herausforderung. Diesmal wurden auch Bausteine verkauft. Auch die Spenden flossen wieder kräftig; dazu trugen diesmal neben den Geschäften aus Kalkar und Altkalkar und seine Bewohner auch die am Bau der Altkalkarer Hauptschule beteiligten Firmen bei. Da kam ein nettes Sümmchen zusammen, sodass der Verein sich nicht nur endlich auch die Gestaltung der Fahnenrückseite erlauben konnte, sonder auch trotz aller Anstrengungen zum silbernen Jubiläum 1976 auf gesunden Füßen stand.